Turbostudium: Bachelor und Master in nur 4 Semestern

Datum: 04.07.2013 Erschienen in: Suite101 Autor: Alexander Rüstau

suite101 logoMöglichst schnell mit dem Studium fertig sein – dieser Wunsch wird von nicht wenigen Studenten geteilt. Das wohl bekannteste Beispiel für ein in Rekordzeit absolviertes Studium lieferten 2011 der Dortmunder Wirtschaftsstudent Marcel Kopper und zwei seiner Kommilitonen. Sie absolvierten in zwei Semestern einen auf sieben Semester ausgelegten Bachelor in Betriebswirtschaftslehre und im Anschluss daran in weiteren zwei Semestern noch einen Master, für den eigentlich vier Semester angesetzt sind.

Die drei schrieben sich im Herbst 2009 an der Fachhochschule für Oekonomie und Management (FOM) in Dortmund ein. Sie wählten diese mit 23 Standorten größte private Hochschule in Deutschland, da sie noch in der Ausbildung steckten. Die FOM ist auf solche Studenten spezialisiert und bietet ihre Vorlesungen daher nur abends und am Wochenende an. Ihre Berufsausbildung schlossen die drei ebenfalls früher als geplant ab, in anderthalb statt der üblichen drei Jahre.

Am Anfang war es nur Neugier

Im Januar 2010 hatten sie das erste Semester fast fertig absolviert und waren dabei mit der Doppelbelastung Berufsausbildung und Studium spielend fertig geworden. Das brachte die drei Kommilitonen auf den Gedanken, das Vorziehen eines Moduls des dritten Semesters auf das zweite Semester anzuregen. Während sie sich ihres Vorhabens schnell einig waren, riet ihnen der Studienberater davon ab. Dennoch wagten sie den ehrgeizigen Schritt.

Als auch mit dem Zusatzmodul noch genug Zeit blieb, suchten sie sich Schritt für Schritt weitere zusätzliche Kurse aus, bis Kopper schließlich die Neugier packte. Er wollte wissen, wie viele Lehrveranstaltungen sich in einem einzigen Studiensemester unterbringen ließen. Das Problem zeitgleicher Kurse an der FOM Dortmund umging er, in dem er sich das Programm aller 23 FOM-Standorte besorgte und in seinem Stundenplan berücksichtigte, der schließlich aus sechs Semestern ein einziges machte.

Klausuren zwischen Fastfood und Autobahn – das typische Wochenende von Turbostudenten

Das so geplante Turbostudium ließ keinen Platz für Parties und Studentenleben. Die Wochenenden waren straff durchorganisiert. Ein Wochenende im April 2010 sah z.B. so aus: Freitag früh begannen die drei Studenten den Tag in ihren Ausbildungsstätten. Mittags um 13:30 Uhr trafen sie sich am Dortmunder Flughafen, aßen einen Burger mit Pommes Frites und fuhren zusammen mit dem Auto nach Stuttgart. Dort schrieben sie von 18:00 bis 21:00 Uhr eine Klausur zum Thema Märkte. Nach dem anschließenden, ebenfalls aus Fastfood bestehenden Abendessen fuhren sie zurück nach Dortmund, wo sie um 01:30 Uhr eintreffen.

Am Samstag war frühes Aufstehen angesagt, denn es standen ab 08:30 Uhr für alle drei Kommilitonen Vorlesungen an. Kopper beschäftigte sich in Köln mit Management sowie Information, Technology & Processing, einer seiner beiden Kommilitonen besuchte in Hamburg eine Vorlesung über Corporate Communication, nachmittags noch das Fach Banking. Der dritte im Bunde belegte in Frankfurt zwei Vorlesungen über Kostenmanagement. Auf der Heimfahrt am späten Nachmittag berichteten die drei einander in einer Mobiltelefonkonferenz, was sie gelernt hatten. Der Sonntag war vorlesungsfrei. Zeit zum Abschalten blieb dennoch nicht, da in der kommenden Woche drei Klausuren angesetzt waren. Somit war für den Tag gemeinsames Lernen angesagt, welches bis in die Nacht dauerte.

Ohne Teamwork geht es nicht

Auf diese Art und Weise teilten die drei Kommilitonen die Veranstaltungen unter sich auf und unterrichteten sich gegenseitig über die jeweiligen Inhalte. Sie schrieben in einem halben Jahr 38 Klausuren, durchschnittlich sechs pro Monat, nicht selten zwei an einem Tag. Dazu kamen Aufsätze und schriftliche Hausarbeiten. Wie ist ein solches Arbeitspensum über die doch recht lange Dauer von vier Semestern zu bewätigen? Neben einem klaren Ziel und beachtlich viel Ehrgeiz half den drei Studenten, die alle weder hochtbegabt noch sonstwie mit außergewöhnlichen Fähigkeiten ausgestattet waren, vor allem ihre Zusammenarbeit, Funktion und Harmonie im Team. Ihre unterschiedlichen Stärken stellten sie dabei den jeweils anderen im Team zur Verfügung. Kopper sah seinen Schwerpunkt im Wirtschaftsrecht, ein Kommilitone war mathematisch stark, der andere verfügte über viel ökonomisches Wissen. Auch der gemeinsame Wille zum Durchhalten war enorm wichtig, vor allem in dem Moment am Tag vor einer Klausur, als einer der drei plötzlich verzweifelte und ans Aufgeben dachte. Nachdem die beiden anderen ihn am Telefon wieder aufgebaut hatten, verwarf er diesen Gedanken und machte weiter. Das Ergebnis ist bekannt.

Der emerierte Münchner Psychologieprofessor Heinz Mandl sieht im Teamwork ein riesiges Potential. Gegenüber dem Wirtschaftsmagazin brand eins erklärte er, die Gruppe sei dem Einzelnen klar überlegen, da sie die Lernmotivation steigern und zum längeren Durchhalten animieren könne. Dies funktioniere jedoch nur bei nicht zu hoher Gruppenstärke – ideal seien drei bis fünf Personen – und bei gleicher Verteilung von Arbeit und Motivation. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass entweder die Gruppe eines der Mitglieder die Arbeit quasi allein erledigen lässt, was bei diesem zu Frust und Unzufriedenheit führt, andererseits das Risiko, dass der Motivierteste und Begabteste alles allein macht, weil ihm die Beiträge der Anderen nicht gut genug sind. Wichtig sei daher, dass die Gruppe in diesen Punkten perfekt harmoniere, und dass jedem Einzelnen viel am Erfolg der Gruppe gelegen sei.

Vier Semester studiert, elf bezahlt

Der Erfolg, den die Dreiergruppe mit ihrem Turbostudium hatte, ist für den ehemaligen Mathematiklehrer von Marcel Kopper, Peter M. Gerigk, einmalig und in seiner Laufbahn bislang einzigartig, wie er gegenüber der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung betonte. Es sei bewunderswert, was aus Kopper und seinen beiden Mitstudenten geworden sei. Ein solches Turbostudium sei seiner Meinung nach jedoch nicht in allen Fachbereichen möglich. Auf jeden Fall aber im Bereich Betriebswirtschaftslehre, wie Kopper konstatiert.

Inzwischen haben er und einer der beiden Weggefährten eine Ghostwriting-Agentur gegründet, Der dritte Kommilitone arbeitet als Projektleiter bei der Frankfurter Commerzbank. Das Ziel gut bezahlter Jobs ist also erreicht. Ärger gab es hingegen von Seiten der Hochschule. Die Dortmunder FOM verklagte einen der drei Studenten, der nach vier Semestern den Studienvertrag gekündigt hatte, auf die Zahlung der vollen Studiengebühren. Das Amtsgericht Arnsberg gab der Klage im Juli 2012 statt (Az: 12 C 64/12). Begründung: Die Studiengebühren seien ein vertraglich vereinbarter Gesamtpreis für das Studium. Für die drei Turbostudenten ist dieses Urteil unverständlich. Ihrem gemeinsamen Erfolg tut das jedoch keinen Abbruch.