Zwischen Original und Plagiat

Datum: 05.05.2020 Erschienen in: Forschung & Lehre Autor: Doris Weßels

Forschung und Lehre

Ob Ghostwriter oder Künstliche Intelligenz: Die Möglichkeiten zum Plagiieren werden immer größer. Das fordert durchdachte Antworten.

Stellen wir uns zum Beispiel einen Studierenden mit hohem zeitlichen und psychischen Druck bei der Abgabe seiner Abschlussarbeit vor. Wer sich mit dem eigenständigen Schreiben überfordert fühlt und daraus alleine keinen Ausweg sieht, dem bieten sich mehrere Handlungsalternativen. Dabei sollen Studierende nicht unter Generalverdacht gestellt werden, sondern vielmehr Hochschulleitung und Lehrende für die Auswirkungen der Digitalisierung auf das “Schreiben” und die Bewertung schriftlicher Haus-, Studien- und Abschlussarbeiten von Studierenden sensibilisiert werden.

1. Beauftragung einer Ghostwriter-Agentur

Nach dem Ghostwriter-Report 2019  kann allein im deutschsprachigen Markt unter sieben Anbietern gewählt werden: GWriters, ACADWrite und weitere. In der Regel erhält der Kunde die Garantie eines plagiats­gesicherten Dokuments. Anderenfalls gilt die “Geld-zurück”-Garantie. Der Kundenservice beinhaltet häufig Preisrechner, wie zum Beispiel auf der Website von GWriters. Laut eigener Aussage wächst dieser Anbieter sehr schnell und beschäftigt mehr als 2.000 akademische Freelancer alleine für den deutschen Markt. Eine kurzfristig in 14 Tagen zu erstellende wirtschaftswissenschaftliche Thesis im Umfang von 50 Seiten schlägt dort mit circa 6.500 Euro zu Buche.

Es mangelt leider an aktuellen Studien und belastbarem Zahlenmaterial zu studentischen Plagiaten. Auf der anderen Seite darf aber das Wachstum des Ghostwriter-Markts als Ergebnis einer wachsenden Nachfrage bewertet werden. Hochschulen dürfen dieser Marktentwicklung nicht tatenlos zusehen. Michael Hartmer als Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbandes hat bereits 2015 ein Gesetz gegen akademisches Ghostwriting mit dem neuen Straftatbestand des Wissenschaftsbetrugs gefordert – leider bisher ohne Erfolg.

2. Verwendung bestehender Arbeiten

Wer keinen Ghostwriter beauftragt, muss selber aktiv werden. Bei dieser zweiten Variante können wiederum unterschiedliche Wege verfolgt werden, um schnell zum gewünschten Dokument zu kommen.

Ein oder auch mehrere thematisch passende Dokumente können genutzt und diese (mit geringst möglichem Aufwand) überarbeitet werden, so dass sie als selbstständig erstellte Dokumente beim eigenen Betreuer durchgehen. Hierzu bieten sich natürlich thematisch ähnliche Thesen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis an, mit denen gute Noten an anderen Hochschulen erzielt wurden, die im Idealfall aber ohne ein digitales Archiv studentischer Abschlussarbeiten arbeiten. Ein hoch effizientes Rewriting – nahezu ohne Plagiatserkennungsgefahr – kann derzeit schon mit kostenlos verfügbaren IT-Werkzeugen aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) erreicht werden.

3. KI-gestützte Technologien

Werden zum Beispiel KI-gestützte und weltweit führende Übersetzungslösungen wie “DeepL” vom gleichnamigen Kölner StartUp in Verbindung mit Rewriting-Tools wie zum Beispiel “Quillbot” in geschickter Weise kombiniert, entstehen quasi auf “Knopfdruck” vermeintlich neue Texte. Leider gibt es derzeit keine Analyse oder Studien, die das Ausmaß dieses Vorgehens belegen. Es darf davon ausgegangen werden, dass die “Best Practices” zur Überlistung gängiger Plagiatserkennungs-Software eine schnelle virale Verbreitung in studentischen Kreisen finden werden oder bereits gefunden haben.

Den zweiten Weg bietet zukünftig die Nutzung KI-gestützter Textgeneratoren. Das Potenzial künstlicher Intelligenz bei der Generierung von Texten haben Christian Chiarcos und sein Team der Frankfurter Goethe-Universität im Frühjahr 2019 aufgezeigt, die gleich ein komplettes Fachbuch (“Lithium-Ion Batteries – A Machine-Generated Summary of Current Research“) über die KI “Beta Writer” generiert haben. Der normale Anwender dürfte bei dieser Variante niedrigschwelliger einsteigen. Hier bieten sich KI-Algorithmen an, die sich nach einem Text­input eigenständig um die Fortsetzung des Textflusses kümmern.

Noch ist das Ergebnis dieser Mensch-Maschine-Kooperation – zum Beispiel über das auf GPT-2 basierende Online-Tool “InferKit” – für wissenschaftliche Arbeiten nicht zu empfehlen. Allerdings sind die Technologiefortschritte im Bereich Robojournalismus, der sich bereits in der Sport- und Nachrichtenberichterstattung eingeschlichen hat, beeindruckend und lassen diesen Weg der unterstützten Textgenerierung auch für wissenschaftliche Texte mittelfristig machbar erscheinen. Angesichts des Geschäftsmodells der Ghostwriter-Agenturen darf davon ausgegangen werden, dass sie als Trendsetter derartige KI-gestützte Werkzeuge bereits einsetzen und jedem weiteren KI-Technologiesprung wegen der Performance-Steigerung besonders freudig entgegensehen.

Für die Hochschulleitungen und Lehrenden ergeben sich neue Fragestellungen:

  1. Wie kann der Plagiatsproblematik heute und zukünftig begegnet werden?
  2. Welche Auswirkungen haben diese disruptiv anmutenden Entwicklungen der Digitalisierung auf Prüfungsleistungen in Form schriftlicher Haus- und Abschlussarbeiten?
  3. Wie ist das “System Hochschule” anzupassen, um seinem Bildungs- und Qualitätsanspruch im digitalen Zeitalter gerecht zu werden?

Eine im Februar 2020 durchgeführte Umfrage bei Hochschullehrenden an mehr als 20 Hochschulen in Deutschland und der Schweiz führte zu dem Ergebnis, dass nur circa 60 Prozent der Lehrenden einen Zugang zu einer von der Hochschule bereitgestellten Plagiatserkennungs-Software haben. Die befragten Lehrenden bewerteten diese fehlende Abdeckung als defizitär und die abschreckende Wirkung der Plagiatserkennungs-Software als sehr wertvoll.

Mit Blick auf die technologische Entwicklung sind Plagiatserkennungs-Softwarelösungen aber nahezu chancenlos bei dem oben skizzierten “Kontinuum” zwischen Original und Plagiat, wenn Mensch und Maschine (KI-Algorithmen) wie ein Autorenteam zusammenarbeiten. Auf Seiten der Plagiatserkennungs-Softwarelösungen wird ebenfalls mit KI-Technologie aufgerüstet. Aber führt uns das beidseitige Wettrüsten der KI-Agenten zu einer Lösung des Problems?

Die Problematik kann über effektive Ansätze zur Vermeidung von Plagiaten entschärft werden. Parallel dazu sind didaktische Ansätze und Prüfungsverfahren anzupassen. Leider verhindert der wahrgenommene “Massenbetrieb” an vielen Hochschulen eine kontinuierliche Betreuung des Schreibprozesses der Studierenden und die fortlaufende Beobachtung der Textentstehung durch die Lehrenden.

Welche Auswirkungen diese Entwicklungen für die Hochschulen final haben werden, ist derzeit nur schemenhaft zu erkennen. In jedem Fall rüttelt dieses “disruptive” Szenario an den Grundfesten von Hochschulen und ihrem akademischen Selbstverständnis. Wir werden viel Mut benötigen, um das System Hochschule im Zeitalter “Künstlicher Intelligenzen” neu auszurichten.