Kopieren geht über Studieren

Datum: 15.06.2012 Erschienen in: NEON Autor: Julia Dreier, Annabel Dillig, Christoph Henn

neon logoDie Plagiatsaffäre um Guttenberg erschütterte die Akademikerwelt. Ein Jahr später erzählen Gewinner und Verlierer, wie sich ihr Leben verändert hat.


Seit etwas mehr als einem Jahr fehlen Karl-Theodor zu Guttenberg zwei Buchstaben und ein Punkt. In der Öffentlichkeit ist eine Debatte darüber entstanden, was Abschreiben denn nun ist: eine Seuche, die nicht in den Griff zu kriegen ist? Ein strafrechtliches Vorgehen? Oder „nur“ akademisch nicht tolerierbar? An den Universitäten herrscht derweil der Ausnahmezustand – immer noch: Professoren verbringen ihre Zeit mit hektischer Plagiatssuche, Studenten schwanken zwischen Verunsicherung, Angst und Arglosigkeit. Zudem ist eine ganze Industrie entstanden: Anbieter von speziellen Softwareprogrammen, die elektronisch nach Plagiaten fahnden, versuchen, Korrektoren und Verfasser als Kunden zu gewinnen. Lektoren und Ghostwriter bieten ihre Dienste an. Ein Bericht aus der Erdbebenzone.

Der Professor

Professor Manuel René Theisen sitzt an seinem Computer im elften Stock seines Münchener Büros. Schon den ganzen Morgen brütet er über der Arbeit eines BWL-Studenten. „Wahrscheinlich ein Betrug“ sagt er. Die Plagiatssoftware zeigt 81 leuchtend rot markierte Treffer an – in einer zwanzigseitigen Seminararbeit. Doch der rote Flickenteppich auf dem Bildschirm ist noch nicht mal das Problem: Die Mehrheit der vermeintlichen Plagiate sind schlichtweg Floskeln, die jeder ab und zu verwendet, zum Beispiel „in der jüngsten Vergangenheit“. Was ist es denn? „Die Arbeit ist brillant! Bei der Lektüre konnte sogar ich noch etwas lernen“. Da der Student ein mittelmäßiges Thesenpapier abgeliefert habe, glaube er einfach nicht daran, dass dieser Text aus dessen Feder stamme. Sein Verdacht: Es handelt sich um eine Auftragsarbeit. Gerade Ghostwriter-Firmen werben seit dem Guttenberg-Skandal damit, plagiatsfreie Arbeiten zu erstellen, erzählt Theisen. So hilfreich Plagiatssoftware in vielen Fällen sein kann – hier bringt sie ihn nicht weiter. Der 59-jährige Gastprofessor muss auf seine Erfahrung bauen. „Jährlich habe ich mehr als hundert Arbeiten korrigiert. Man bekommt ein Gefühl dafür, was leistbar ist.“ Was passiert nun mit dem mutmaßlichen Betrüger? „Der Student wird es leugnen, und ich kann ihm nichts Konkretes nachweisen.“ Das heißt? „Er bekommt eine 1,0.“
Kommt es zu einem Plagiat, lässt Theisen Schlampigkeit nicht als Ausrede gelten, er ist überzeugt: Wenn Studenten klauen, dann bewusst, sei es aus purer Bequemlichkeit oder Hinterlist. Klauen ist nur der erste Schritt, das Mittel zum Zweck. Das zweite Vorgehen ist die Ernte“ Es gehe darum, sich durch Betrug einen Vorteil zu verschaffen. Bei Guttenberg war es akademisches Ansehen, anderen Betrügern geht es schlicht um die Aussicht auf mehr Gehalt. Für Abschreiber fordert der Professor härtere Strafen. „Betrüger sollten von der Uni fliegen – ein für alle Mal!“ Denn wer wegen eines Plagiats eine Arbeit nicht besteht, der probiere es beim nächsten Dozenten.

Die Verunsicherte

Anastasia Rylnikov hat Angst, unfreiwillig einen Guttenberg hinzulegen. „Ich bange um jeden eigenen Gedanken, der bei einem anderen Autor auftauchen könnte. Schließlich haben sich mit meinem Thema, dem Märchen „Dornröschen“, schon unzählige Menschen befasst.“
Die 23-Jährige, die an der Uni Hildesheim internationale Kommunikation und Übersetzen studiert, findet es ungerecht, dass ihre Studentengeneration seit den Skandalen um Guttenberg und den ungarischen Präsidenten Pal Schmitt unter Generalverdacht steht. An ihrer Uni ist das Thema Plagiate allgegenwärtig. Der AStA protestiert gegen die geplante uniweite Einführung einer Software zur Plagiatsprüfung, Dozenten erzählen Geschichten von aufgeflogenen Abschreibern, Lektoren werben auf Flugblättern mit der Frage: „Möchtest du sichergehen, keine Plagiatsvorwürfe zu bekommen?“
Kürzlich fand Anastasia in einem ihrer Bücher einen Gedankengang, den sie selbst in fast identischer Formulierung in ihre Arbeit geschrieben hatte. „Natürlich hatte ich Angst, dass das wie ein Plagiat aussieht“ sagt sie. Um bloß nicht als Betrügerin dazustehen, hat sie den ganzen Absatz umformuliert – in Abgrenzung zu den Thesen des anderen Autors. „Das hat den Text aber auch nicht gerade schöner gemacht.“ Nun kontrolliert sie sich regelmäßig selbst und gibt ganze Sätze bei Google ein. Aber die Angst ist immer noch da. Deswegen denkt Anastasia darüber nach, das Gleiche zu tun wie eine Freundin: 150 Euro zu investieren und ihre Bachelorarbeit einem dieser Lektoren zu geben, die Schutz vor Plagiatsvorwürfen versprechen.

Nutzniesser I

Markus Goldbach aus Köln hat seine Doktorarbeit in Neuropsychologie ein halbes Jahr auf Eis gelegt. Schuld ist Karl-Theodor zu Guttenberg. Denn Goldbachs Firma vertreibt „Plagscan“. Hat sein Unternehmen vor dem Skandal ein Nischendasein geführt und dem 30-Jährigen allenfalls als Nebenerwerb gedient, gehört es seitdem zu den Marktführern in Deutschland: 200 000 Arbeiten durchleuchtet der von ihm und einem Studienfreund programmierte Algorithmus pro Jahr. Zu seinen Kunden gehören einzelne Studenten ebenso wie Institute oder ganze Universitäten. Inzwischen hat Goldbach drei fest angestellte und vier freie Mitarbeiter, die die Software ständig weiterentwickeln. „Es war absehbar, dass sich das Geschäftsmodell auch in Deutschland etabliert, aber ohne Guttenberg wären wir nie so schnell gewachsen“, sagt Goldbach. In den USA und Großbritannien sei die Plagscan-Branche schon mehrere hundert Millionen Dollar stark. Ob er glaubt, dass sich bei den Universitäten ein Einstellungswandel vollzogen hat? „Ja und nein: ja, weil viele Professoren erkennen, wie unglaublich viel Zeit und Energie es kostet, nach Plagiaten zu fahnden. Nein, weil mir noch immer viele Professoren begegnen, die ein unerschütterliches Selbstbewusstsein haben und sagen: „Ich erkenne jedes Plagiat.““
Auch von ihnen hört Goldbach den Standardvorwurf, der Plagscan-Firmen gemacht wird: beide Parteien mit Waffen aufzurüsten, damit sie einander gewinnbringend bekriegen. Doch das sei Quatsch. Als Doktorand und Dozent, der selbst Arbeiten korrigiert hat, kenne er beide Seiten des universitären Betriebs: „Studenten sind bequem, aber sie wollen einen Abschluss. Und die wenigsten sind bereit, diesen für ein Plagiat aufs Spiel zu setzen.“ Fünf Prozent der analysierten Arbeiten enthalten plagiierte Passagen. Das ist einer pro Seminarklasse.

Die Gelassene

Sandrine Gehriger wird die Bachelorarbeit, die sie gerade verfasst, nicht auf der Plagscan-Seite von Markus Goldbach hochladen, um sie vor der Abgabe überprüfen zu lassen. Gehriger, 21, studiert Germanistik an der LMU München. Von der Plagiatspanik anderer Studenten will sie sich nicht anstecken lassen. In ihrem Fach sei es nicht üblich, eine elektronische Version der Arbeit abzugeben, nur zwei gedruckte. Auch deshalb ist ihr Eindruck: „Mit dem systematischen Scannen durch die Professoren wird vor allem gedroht.“ Ihre Arbeit wird sie in Kürze reinen Gewissens abgeben: „Ich weiß ja, was drinsteht. Und durch Zitate zeigen, dass man viel gelesen hat, ist doch gut.“ Dann eine Unterschrift unter die Erklärung, dass die Arbeit eigenständig verfasst und die Quelle angegeben hat, und das war´s.

Die Professorin

Professorin Anna Gamper spürt seit der Plagiatsaffäre vor allem Verunsicherung: „Die Studierenden sind teilweise überängstlich geworden.“ Sie sei schon gefragt worden, ob man überhaupt noch fremde Meinungen zitieren dürfte. „Dabei beruht wissenschaftliche Arbeit doch auf dem Dialog!“ Gamper lehrt an der juristischen Fakultät der Universität Innsbruck. Pro Semester korrigiert die Professorin etwa zehn Diplomarbeiten und Dissertationen. Plagiate sind schweres Fehlverhalten, das steht auch für sie fest. Aber diese Übervorsicht gehe zu weit. „Es ist schon passiert, dass Wissenschaftliche Konkurrenten zu Unrecht beschuldigten, plagiiert zu haben – trotz Unschuld ist der Ruf damit beschädigt. Auch ihre Universität sei inzwischen flächendeckend mit Plagiatssoftware ausgestattet, doch so ganz will sie sich nicht darauf verlassen: Ein Problem sei das fremdsprachige und paraphrasierende Plagiat, wo nicht der ganze Wortlaut wiedergegeben werde. Außerdem sei nicht jeder Text im Internet verfügbar. „Ab und zu google ich auch mal Stellen, wenn sich der Schreibstil in einer Arbeit markant ändert.“ Ihr Rezept, um Plagiate aufzudecken: eine Kombination aus elektronischer Suche und persönlicher Betreuung. Denn gerade durch regelmäßige Gespräche mit ihren Studenten könne sie einigermaßen erkennen, ob sich jemand aus Versehen oder mit voller Absicht fremdes Gedankengut zu eigen gemacht hat. Die letzte Chance ihrer Studenten ist dann, das vermeintliche Plagiat mit einer Quelle zu belegen.

Nutzniesser II

Auch Robert Grünwald ist Herrn Guttenberg zu Dank verpflichtet. Denn sein Ghostwriting-Unternehmen G-Writers läuft besser denn je. Mit der Agentur, die er vor gut einem Jahr zusammen mit seinem Geschäftspartner Marcel Kopper gegründet hat, zieht er demnächst von Castrop-Rauxel an die feine Düsseldorfer Königsallee. Die Plagiatsaffäre hat das „Qualitätsbewusstsein“ erhöht, glaubt Grünwald. „Wir betrachten uns als hochwertigen Anbieter und glauben, dass sich viele von unseriösen Billiganbietern nun eher fernhalten“ sagt der 22-jährige Unternehmer. Er selbst hat sein BWL-Studium in Rekordzeit durchgezogen. Inzwischen ist er ausgelastet mit der Geschäftsführung der eigenen Agentur. „Wir bekommen fünf bis fünfzehn Anfragen am Tag.“ Ein Netz aus gut 250 „Akademikern mit Prädikatsexamen“ schreibt eine dreistellige Zahl an Arbeiten im Jahr, unter ihnen angeblich sehr viele wissenschaftliche Mitarbeiter an Unis, Doktoranden und sogar Habilitierte. Die Preise variieren je nach Arbeit und Umfang. „Bei einer Promotion muss man von einem fünfstelligen Betrag ausgehen. Eine Bachelorarbeit bewegt sich grob in einem Rahmen von etwa 2500 bis 4500 Euro“ erklärt Grünwald. Offiziell bietet er freilich weder das eine noch das andere an. „Wir weisen in unseren AGBs darauf hin, dass nur eine Mustervorlage in Form einer Textbearbeitung erstellt wird und diese nur in zulässiger Form vom Kunden verwendet werden darf.“ Jeder Kunde, der die Arbeit an der Uni einreicht, verstößt also gegen die AGBs, mit denen sich G-Writers juristisch absichern will. „Aber wir können natürlich nicht überprüfen, ob sich unsere Kunden daran halten.“ Letztere seien ohnehin besser als ihr Ruf, meint Grünwald: „Es ist eher die Ausnahme, dass sich Studenten aus reiner Faulheit an uns wenden.“ Manche bräuchten nach Krankheit oder Schicksalsschlägen in der Familie Hilfe, andere kämen nach nicht bestandenem Erstversuch. Ganz viele sind einfach überfordert, weil ihnen der Zeitdruck an der Uni zu hoch ist. Zumindest für ihn hat sich die umstrittene Bologna-Reform ausgezahlt: Vom Bachelorsystem mit seinen engen Stundenplänen und der schlechter gewordenen Betreuung des einzelnen Studenten profitierte seine Firma noch stärker als von Guttenberg.

Der Betrüger

Einer der vielen zufriedenen Kunden von Robert Grünwald ich Michael M., 26 Jahre alt, gut verdienender Account-Manager. Berufsbegleitend studiert er BWL. Guttenberg brachte ihn erst auf die Idee, andere für sich schreiben zu lassen: „Ich war mir sicher, dass der das nicht selber geschrieben hat“, sagt Michael M., Im Netz stieß er auf G-Writers. „Natürlich habe ich da erst mal wegen der Plagiatsthematik nachgefragt, damit mir nicht das Gleiche passiert wie Herrn Guttenberg.“ Doch wie auch schon Professor Theisen bestätigt, sind gerade Ghostwriter mit Plagiatssoftware ausgestattet, schließlich liegt es in ihrem Interesse, dass ihre Kunden nicht auffliegen. Michael M. hat schon zwei Seminararbeiten bei G-Writers in Auftrag gegeben. „Der Preis von rund 900 Euro für 15 bis 20 Seiten hat mich zunächst erschreckt, aber mit dem Ergebnis war ich zufrieden.“ Er bekam die Noten 1,7 und 2,3. An Geld scheint es dem Account-Manager ebenso wenig zu mangeln wie an Selbstbewusstsein. Knapp ist hingegen seine Zeit – und gar nicht vorhanden ist ein schlechtes Gewissen: „Ich bin da moralisch ein bisschen flexibler als andere.“ Das Wissen über den Stoff habe er ja, „ich spare es mir nur, Dutzende Quellen zusammenzutragen und nutze die Zeit für Wichtigeres.“ Diese wichtigeren Dinge sind für ihn der Job und das Lernen für die Prüfungen. Im Moment denkt Michael M. darüber nach, wie er möglichst ökonomisch durch die Master-Thesis kommt. Sie komplett schreiben zu lassen, bringt nicht viel: „Weil regelmäßige Treffen mit dem Prof vorgesehen sind, müsste ich mich ständig ins Thema einarbeiten und die Quellen querlesen.“ Da werde er die Arbeit wohl selbst schreiben. „Aber wenn es inhaltlich geht, lasse ich mir Teile zu bestimmten Sachverhalten zuliefern.“
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