problemzentriertes interview

Problemzentriertes Interview nach Witzel: Ablauf, Leitfaden, Auswertung & Beispiel

Anna Milena von Gersdorff

(Head of Marketing)

12.10.2026

Anna Milena von Gersdorff leitet als Online-Marketing Expertin den GWriters Blog sowie alle Veröffentlichungen, Änderungen und Sonderaktionen auf unserer Webseite. Darüber hinaus ist Sie für gesamte Öffentlichkeitsarbeit und die Kommunikation mit unseren Medienpartnern zuständig.

Sie möchten verstehen, wie Studierende den Berufseinstieg erleben, wie Beschäftigte mit Veränderungen umgehen oder weshalb Menschen bestimmte Entscheidungen treffen? Ein problemzentriertes Interview kann dafür geeignet sein. Es schafft Raum für persönliche Erfahrungen und richtet das Gespräch zugleich auf eine begründete Forschungsfrage aus.

Die Herausforderung liegt in dieser Verbindung: Sie kennen das Thema bereits aus der Literatur, müssen aber offen dafür bleiben, dass Ihre Interviewpartner andere Zusammenhänge wichtig finden. Wir zeigen Ihnen, wie Sie daraus ein tragfähiges Forschungsdesign entwickeln – mit einem eigenen Leitfadenbeispiel, einer Gesprächssequenz und einem nachvollziehbaren Weg zur Auswertung.

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Qualitative Forschung nach Witzel

Das Wichtigste in Kürze

Ein problemzentriertes Interview verbindet offene Erzählungen mit gezielten Nachfragen. So untersuchen Sie, wie Menschen bestimmte Situationen erleben und welche Bedeutung sie ihnen geben. Entscheidend ist, dass Forschungsfrage, Leitfaden und Auswertungsverfahren zusammenpassen.

  1. Forschungsfrage eingrenzen: Legen Sie fest, welche Erfahrungen oder Sichtweisen Sie untersuchen möchten. Ein klar umrissenes Thema erleichtert die Auswahl der Befragten und die Entwicklung des Leitfadens.
  2. Vorwissen reflektiert einsetzen: Nutzen Sie die Fachliteratur zur Vorbereitung. Bleiben Sie im Gespräch offen für Erfahrungen und Erklärungen, die von Ihren bisherigen Annahmen abweichen.
  3. Leitfaden flexibel nutzen: Bereiten Sie Themen, offene Fragen und mögliche Nachfragen vor. Der Leitfaden unterstützt das Gespräch, ohne eine starre Reihenfolge vorzugeben.
  4. Konkrete Erfahrungen erfragen: Beginnen Sie mit einer Erzählaufforderung und bitten Sie anschließend um Beispiele. Vermeiden Sie Fragen, die eine bestimmte Antwort oder Bewertung nahelegen.
  5. Durchführung dokumentieren: Klären Sie Teilnahme, Aufzeichnung und Datenverarbeitung vorab. Halten Sie nach dem Interview Gesprächsbedingungen, Besonderheiten und erste Überlegungen in einem Postskriptum fest.
  6. Auswertung gesondert begründen: Wählen Sie ein Verfahren, das zu Ihrer Forschungsfrage passt. Eine qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring ist eine Möglichkeit, aber keine verbindliche Vorgabe des Interviewformats.
  7. Ergebnisse nachvollziehbar darstellen: Belegen Sie Ihre Interpretationen mit passenden Interviewstellen. Berücksichtigen Sie widersprechende Aussagen und erklären Sie die Grenzen Ihrer Untersuchung.

Kurzantwort: Beim problemzentrierten Interview nach Witzel geben Sie ein Forschungsthema vor und lassen den Befragten Raum für ihre eigene Sichtweise. Offene Erzählungen und klärende Nachfragen ergänzen sich. Wie Sie das Material anschließend auswerten, entscheiden und begründen Sie anhand Ihrer Forschungsfrage.

Vier zentrale Fragen und Antworten zum problemzentrierten Interview

1. Was ist ein problemzentriertes Interview nach Witzel?

Ein problemzentriertes Interview ist eine qualitative Forschungsmethode, mit der Sie persönliche Erfahrungen und Sichtweisen zu einer bestimmten Forschungsfrage untersuchen. Es verbindet offene Erzählungen mit gezielten Nachfragen. Ihr Vorwissen hilft bei der Vorbereitung, darf die Antworten der Befragten aber nicht vorwegnehmen.

2. Wie erstelle ich einen Leitfaden für ein problemzentriertes Interview?

Leiten Sie die Themenbereiche aus Ihrer Forschungsfrage ab. Formulieren Sie eine offene Einstiegsfrage und ergänzen Sie mögliche Nachfragen zu konkreten Erfahrungen. Beispielsweise: „Erzählen Sie bitte, wie Sie Studium und Erwerbsarbeit im Alltag miteinander verbinden.“ Der Leitfaden dient als Orientierung; Reihenfolge und Nachfragen können sich dem Gespräch anpassen.

3. Wie läuft ein problemzentriertes Interview ab?

Zunächst erläutern Sie das Forschungsvorhaben und klären Teilnahme sowie Aufzeichnung. Anschließend beginnen Sie mit einer offenen Erzählaufforderung. Sie greifen angesprochene Erfahrungen auf, fragen nach konkreten Situationen und klären unverständliche Aussagen. Zum Abschluss können Befragte wichtige Punkte ergänzen. Danach dokumentieren Sie Gesprächsbedingungen und erste Überlegungen in einem Postskriptum.

4. Wie werte ich ein problemzentriertes Interview aus?

Transkribieren Sie das Gespräch und wählen Sie ein Analyseverfahren, das zu Ihrer Forschungsfrage passt. Eine Möglichkeit ist die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring. Dabei bearbeiten Sie das Material anhand begründeter Kategorien und vergleichen Aussagen innerhalb sowie zwischen den Interviews. Witzels Interviewverfahren schreibt keine einzige verbindliche Auswertungsmethode vor.

Was ist ein problemzentriertes Interview?

Das problemzentrierte Interview ist ein qualitatives Verfahren, mit dem subjektive Sichtweisen auf einen gesellschaftlich relevanten Gegenstand erschlossen werden. Andreas Witzel beschreibt es als ein Zusammenspiel von theoriegeleitetem Vorwissen und Offenheit gegenüber dem Material. Er unterscheidet drei Grundpositionen: Problemzentrierung, Gegenstandsorientierung und Prozessorientierung. Als unterstützende Instrumente nennt er Kurzfragebogen, Leitfaden, Tonaufzeichnung und Postskriptum. [1]

„Problem“ bedeutet hier nicht zwingend eine persönliche Krise. Auch der Übergang von der Hochschule in den Beruf kann ein Forschungsproblem sein. Zu untersuchen wäre beispielsweise, wie Absolventinnen und Absolventen berufliche Anforderungen wahrnehmen und welche Erfahrungen ihre Entscheidungen prägen.

Für die praktische Planung sollten Sie drei Dinge getrennt festhalten: das gesellschaftliche Thema, Ihre wissenschaftliche Forschungsfrage und die Fragen im Gespräch. „Wie organisieren berufstätige Studierende ihre Lernzeiten?“ kann die Forschungsfrage sein. Im Interview beginnen Sie dagegen verständlich und konkret: „Erzählen Sie bitte von einer Woche, in der Studium und Arbeit zusammenkamen.“

Methodische Grundlagen: Vorwissen nutzen und offen fragen

Witzel und Reiter erläutern die Interviewführung als aktives Zuhören und dialogisches Verstehen. Vorwissen sensibilisiert für mögliche Zusammenhänge; Befragte können Deutungen der interviewenden Person korrigieren. Ein Gespräch besteht deshalb nicht nur aus vorbereiteten Fragen, sondern auch aus dem Aufgreifen unerwarteter Erfahrungen. [2]

Unsere praktische Empfehlung: Notieren Sie vor dem Feldzugang Ihre Erwartungen in einer separaten Arbeitsdatei. Vermuten Sie etwa, dass Erwerbsarbeit vor allem Zeitdruck erzeugt, halten Sie diese Annahme fest. Formulieren Sie den Leitfaden dennoch so, dass auch finanzielle Sicherheit, soziale Kontakte oder positive Lernerfahrungen zur Sprache kommen können.

Wie unterscheidet sich das Verfahren von anderen Interviews?

Format

Orientierung für die Methodenentscheidung

Beispiel für eine passende Fragestellung

Problemzentriertes Interview

Erfahrungen und Deutungen zu einem eingegrenzten Forschungsproblem; erzählende und klärende Gesprächsanteile.

Wie erleben Studierende die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Studium?

Leitfadengestütztes Interview

Überbegriff für Interviews mit thematischer Orientierung; die konkrete methodische Ausgestaltung muss zusätzlich erklärt werden.

Welche Erfahrungen machen Teilnehmende mit einem bestimmten Beratungsangebot?

Experteninterview

Auswahl wegen besonderer fachlicher, organisatorischer oder beruflicher Kenntnisse.

Wie organisieren Hochschulberatungen die Unterstützung berufstätiger Studierender?

Narratives Interview

Für eine ausführliche, zusammenhängende Erzählung kann ein stärker zurückhaltender Gesprächseinstieg sinnvoll sein.

Wie erzählen Menschen ihren Bildungsweg im biografischen Zusammenhang?

Die Tabelle ist eine Orientierung für die Planung, keine vollständige Typologie. Ein Experteninterview kann beispielsweise problemzentrierte Gesprächstechniken nutzen. Benennen Sie deshalb sowohl das Erkenntnisinteresse als auch die tatsächliche Durchführung.

Witzel und Mayring: Erhebung und Analyse auseinanderhalten

Wer nach „problemzentriertes Interview Mayring“ sucht, meint häufig die Verbindung einer Interviewerhebung mit qualitativer Inhaltsanalyse. Mayring beschreibt eine regelgeleitete Analyse von Texten mit festgelegten Analyseeinheiten und Kategorien. Er unterscheidet unter anderem induktive Kategorienentwicklung und deduktive Kategorienanwendung. Diese analytische Entscheidung ist gesondert zu begründen. [3]

Eine mögliche Kombination lautet: Interviews problemzentriert erheben und anschließend inhaltsanalytisch bearbeiten. Schreiben Sie im Methodenkapitel jedoch nicht nur „nach Witzel und Mayring“. Erklären Sie, was Sie bei der Gesprächsführung umgesetzt haben und nach welchem konkreten Vorgehen Sie das Material analysieren.

Forschungsfrage, Stichprobe und Vorbereitung

Die Forschungsfrage ausreichend eingrenzen

„Wie erleben Studierende ihr Studium?“ ist für eine kleine Abschlussarbeit sehr weit. Sie müssten zahlreiche Lebensbereiche berücksichtigen. Unser durchgehendes Lehrbeispiel ist enger:

Forschungsfrage: Wie erleben Bachelorstudierende mit regelmäßiger Erwerbsarbeit die Vereinbarkeit von Studium und Beruf, und welche Strategien entwickeln sie im Umgang mit zeitlichen Konflikten?

Mögliche Eingrenzung: Ein bestimmter Studiengang oder Hochschulstandort, eine klar definierte Studienphase und regelmäßige Erwerbsarbeit während der Vorlesungszeit.

Alle folgenden Leitfadenfragen, Interviewaussagen und Codierungen sind eigens entwickelte Lehrbeispiele. Sie stammen nicht aus einer realen Erhebung.

Die Eingrenzung muss fachlich sinnvoll sein. Wählen Sie nicht allein die Personen aus, die besonders leicht erreichbar sind. Wenn Sie nur Freunde interviewen, sollten Sie diese Rekrutierung und mögliche Folgen für die Antworten offenlegen.

Wie viele problemzentrierte Interviews sind nötig?

Es gibt keine aus dem Interviewformat ableitbare Mindestzahl. Malterud, Siersma und Guassora schlagen mit der „Information Power“ eine Begründung anhand von Studienziel, Spezifität der Stichprobe, theoretischer Fundierung, Gesprächsqualität und Analysestrategie vor. Eine eng umrissene Frage mit passenden, informationsreichen Fällen verlangt eine andere Planung als der Vergleich vieler Gruppen. [4]

Für unser Lehrbeispiel könnten Sie zunächst eine Auswahlmatrix entwerfen: unterschiedliche Arbeitszeitumfänge, verschieden flexible Arbeitszeiten und unterschiedliche Studienphasen. Ob diese Unterschiede tatsächlich relevant sind, prüfen Sie im Verlauf. Eine geplante kleine Stichprobe ist keine Grundlage für repräsentative Aussagen über alle Studierenden.

Sprechen Sie die Fallzahl mit der Betreuung ab und planen Sie Ersatzkontakte ein. Verwechseln Sie eine organisatorisch festgelegte Interviewzahl nicht mit einem nachgewiesenen Ende der Erkenntnisgewinnung. Wenn die Abgabefrist die Erhebung begrenzt, gehört diese Begrenzung in die Reflexion.

Einwilligung, Daten und Rollen klären

Vor dem Gespräch sollten Teilnehmende wissen, worum es geht, ob Sie aufnehmen und wie Aussagen verwendet werden. Erstellen Sie die Teilnahmeinformation gemeinsam mit den zuständigen Stellen Ihrer Hochschule. Klären Sie besonders bei sensiblen Themen, welche datenschutzrechtlichen und gegebenenfalls ethischen Anforderungen gelten.

  • Beschreiben Sie Zweck, Ablauf, geplante Aufnahme und Nutzung der Daten verständlich.

  • Trennen Sie Kontaktdaten von Interviewmaterial und legen Sie Zugriffsrechte fest.

  • Prüfen Sie, ob Ortsangaben, Arbeitgeber oder ungewöhnliche Lebensläufe eine Person indirekt erkennbar machen.

  • Vereinbaren Sie einen konkreten Umgang mit Rückzug, Aufbewahrung und Löschung, der zu Ihrer rechtlichen Grundlage passt.

  • Nutzen Sie für Transkription und Analyse nur freigegebene Systeme; prüfen Sie externe Dienste vor dem Upload.

Ein Kürzel wie „P01“ macht ein Transkript noch nicht anonym. Solange eine Zuordnung möglich ist, sollten Sie den Schutzbedarf entsprechend behandeln. Bei Interviews im eigenen Unternehmen muss außerdem bedacht werden, ob Befragte Nachteile durch kritische Aussagen befürchten.

Problemzentriertes Interview: Ablauf in der Praxis

Die folgende Schrittfolge ist unser Arbeitsvorschlag für das Lehrbeispiel. Sie ersetzt weder die Methodenliteratur noch die Anforderungen Ihres Studiengangs.

1. Leitfaden entwickeln und erproben

Leiten Sie Themen aus der Forschungsfrage ab. Prüfen Sie jede Frage: Ist sie verständlich? Unterstellt sie schon eine Bewertung? Kann die Person mit einer konkreten Erfahrung antworten? Führen Sie ein Probeinterview durch und notieren Sie, wo Sie zu früh unterbrochen oder wichtige Punkte übersehen haben. Entscheiden Sie begründet, ob das Probeinterview Teil der Analyse wird.

2. Gesprächssituation vorbereiten

Suchen Sie einen ruhigen Ort, prüfen Sie die Aufnahme und erklären Sie, dass keine „richtigen“ Antworten erwartet werden. Beschäftigte sollten beispielsweise nicht in Hörweite ihrer Führungskraft interviewt werden. Bei Videogesprächen prüfen Sie Ton, Privatsphäre und einen Plan für Verbindungsabbrüche.

Onlineinterviews sind methodisch zu reflektieren. Jana Rick untersucht, wie sich problemzentrierte Interviews zwischen Präsenz und digitalen Settings übertragen lassen. Der Erhebungsmodus ist damit eine zu begründende Designentscheidung. [5]

3. Mit einer offenen Erzählaufforderung beginnen

Starten Sie im Lehrbeispiel mit einer Situation statt mit einer These: „Erzählen Sie bitte, wie Sie dazu gekommen sind, während des Studiums zu arbeiten.“ Lassen Sie die Antwort zunächst entstehen. Notieren Sie Stichworte, an die Sie später anknüpfen möchten.

4. Erfahrungen vertiefen

Wenn die Person „Stress“ erwähnt, bitten Sie um eine konkrete Episode. Was war vorher geplant? Was geschah? Welche Möglichkeiten gab es? Welche Entscheidung wurde getroffen? Solche Nachfragen helfen, allgemeine Urteile in einem nachvollziehbaren Ablauf zu verstehen.

5. Unklare Aussagen klären und fehlende Themen ergänzen

Prüfen Sie Ihr Verständnis mit einer vorsichtigen Zusammenfassung: „Habe ich richtig verstanden, dass die kurzfristigen Dienstpläne für Sie schwieriger sind als die Arbeitszeit selbst?“ Geben Sie ausdrücklich Gelegenheit zur Korrektur. Erst danach ergänzen Sie relevante Themen, die bislang nicht vorkamen.

6. Abschließen und das Postskriptum schreiben

Fragen Sie, ob etwas Wichtiges fehlt. Notieren Sie nach dem Gespräch Bedingungen, Störungen, eigene Eingriffe und vorläufige Interpretationsideen. Trennen Sie Beobachtung und Deutung: „Bei der Frage nach dem Arbeitgeber entstand eine Pause“ ist eine Beobachtung; „Die Person hat Angst vor ihrem Arbeitgeber“ wäre bereits eine Interpretation.

Problemzentriertes Interview: Leitfaden mit Beispiel-Fragen

Der folgende Interviewleitfaden für ein problemzentriertes Interview ist auf unser Thema zugeschnitten. Nutzen Sie ihn als Entwicklungsbeispiel. Für eine andere Forschungsfrage müssen Themen, Auswahlkriterien und Formulierungen neu geprüft werden.

Themenbereich

Offene Hauptfrage

Mögliche Nachfragen

Einstieg und Entwicklung

Erzählen Sie bitte, wie Sie dazu gekommen sind, neben dem Studium zu arbeiten.

Was war damals für Sie wichtig? Wie hat sich Ihre Tätigkeit seitdem verändert?

Alltag

Wie sah eine typische Woche bei Ihnen in der letzten Vorlesungszeit aus?

Wie haben Sie Arbeits- und Lernzeiten geplant? Was ließ sich gut verbinden?

Konkrete Konfliktsituation

Fällt Ihnen eine Situation ein, in der Anforderungen aus Studium und Arbeit gleichzeitig auf Sie zukamen?

Was genau passierte? Welche Möglichkeiten hatten Sie? Wie entschieden Sie sich?

Umgang mit Konflikten

Was tun Sie, wenn Ihre bisherigen Pläne nicht aufgehen?

Können Sie ein Beispiel nennen? Was hat geholfen? Was hat nicht funktioniert?

Unterstützung

Welche Personen oder Angebote spielen dabei für Sie eine Rolle?

Wie kam diese Unterstützung zustande? Gab es Situationen, in denen Sie keine Unterstützung erhielten?

Bedeutung der Arbeit

Welche Bedeutung hat die Erwerbsarbeit für Sie über das Einkommen hinaus?

Gibt es Erfahrungen, die Ihnen im Studium helfen? Was würden Sie bei einem Stellenwechsel berücksichtigen?

Veränderungen

Hat sich Ihr Umgang mit Studium und Arbeit im Verlauf des Studiums verändert?

Wann und wodurch? Gibt es Unterschiede zwischen Vorlesungszeit und Prüfungsphasen?

Abschluss

Gibt es etwas, das wir noch nicht besprochen haben, das für Ihre Erfahrungen aber wichtig ist?

Was sollte ich zum Verständnis Ihrer Situation noch wissen?

Welche problemzentrierten Interview-Fragen sollten Sie vermeiden?

„Wie stark leiden Sie unter der Doppelbelastung?“ setzt voraus, dass die Person leidet. „Finden Sie nicht auch, dass die Hochschule zu wenig hilft?“ legt eine Bewertung nahe. „Wie beeinflussen Erwerbsarbeit, Finanzierung, Wohnsituation und soziale Kontakte Ihren Studienerfolg?“ fragt zu viele Dinge auf einmal.

Formulieren Sie stattdessen: „Wie erleben Sie die Verbindung von Studium und Arbeit?“ Wenn Schwierigkeiten erwähnt werden, können Sie diese vertiefen. Bleiben sie aus, ist auch das relevant. Versuchen Sie nicht, die erwartete Belastung durch wiederholtes Nachfragen doch noch zu erzeugen.

Praktische Ergänzungen für Ihren Leitfaden

Fügen Sie neben den Hauptfragen freie Felder für spontan angesprochene Themen, bereits behandelte Bereiche und mögliche Rückfragen ein. Erfassen Sie wenige, begründet benötigte Kontextangaben separat, etwa Studienphase und Art der Tätigkeit. Sammeln Sie keine personenbezogenen Angaben allein deshalb, weil sie in einem Musterfragebogen stehen.

Problemzentriertes Interview: Beispiel einer Gesprächssequenz

Interviewende Person: „Erzählen Sie bitte von einer Woche, in der Sie Studium und Arbeit zusammen organisieren mussten.“

Befragte Person: „Vor der Klausur hatte ich zwei zusätzliche Schichten. Eigentlich wollte ich nachmittags lernen. Dann wurde es immer spät.“

Interviewende Person: „Wie kam es zu den zusätzlichen Schichten?“

Befragte Person: „Eine Kollegin war krank. Ich hätte Nein sagen können, aber ich wollte das Team nicht hängen lassen.“

Interviewende Person: „Was bedeutete das für Ihre Vorbereitung?“

Befragte Person: „Ich habe weniger wiederholt. Das war blöd. Gleichzeitig brauche ich die Stelle und mag die Leute dort.“

Interviewende Person: „Sie beschreiben Nachteile für die Lernzeit, aber auch Gründe, die für die Arbeit sprechen. Wie haben Sie damals zwischen diesen Dingen abgewogen?“

Die Sequenz zeigt eine Möglichkeit, auf die Antwort zu reagieren. Die interviewende Person übernimmt weder sofort die Erklärung „finanzieller Druck“ noch erklärt sie die Entscheidung für irrational. Sie fragt nach dem Zusammenhang. Im Beispiel wird dadurch eine Bedeutung des Teams sichtbar, die in der vorbereiteten Erwartung vielleicht noch nicht vorkam.

Auch die letzte Frage muss geprüft werden: Die Zusammenfassung könnte die Situation zu stark in zwei Seiten aufteilen. Wenn die Person widerspricht, ist diese Korrektur für das Verständnis wertvoll. Für die Reflexion gehört deshalb auch die eigene Frage in den Blick.

Auswertung problemzentrierter Interviews: ein begründetes Vorgehen

Witzel skizziert eine Auswertung mit Fallanalysen, Codierungen, Falldarstellungen und kontrastierenden Vergleichen. Er stellt zugleich klar, dass unterschiedliche Erkenntnisinteressen unterschiedliche Auswertungsmethoden erfordern. [1] Der folgende Ablauf ist eine eigene didaktische Umsetzung für eine inhaltsanalytische Bearbeitung unseres Lehrbeispiels, kein universelles „Witzel-Schema“.

1. Material aufbereiten und Transkription begründen

Verschriftlichen Sie die Aufnahmen nach einem dokumentierten Regelsystem. Für eine inhaltlich ausgerichtete Analyse können andere Details relevant sein als für eine Untersuchung von Gesprächsinteraktionen. Prüfen Sie das Transkript an der Aufnahme und verwenden Sie stabile Zeilen- oder Absatzangaben, damit spätere Zitate auffindbar sind.

2. Fälle zunächst als Ganzes lesen

Erstellen Sie zu jeder Person eine kurze Arbeitszusammenfassung: Ausgangssituation, bedeutsame Ereignisse, Entscheidungen, genannte Unterstützung und offene Fragen. Notieren Sie außerdem, welche Aussagen erst nach einer stark lenkenden Nachfrage entstanden. So verhindern Sie, dass einzelne Sätze ohne ihren Entstehungszusammenhang interpretiert werden.

3. Analyseverfahren und Einheiten festlegen

Wenn Sie sich für qualitative Inhaltsanalyse entscheiden, definieren Sie, was codiert wird und welcher Kontext bei der Interpretation herangezogen werden darf. Bei unserem Beispiel könnte eine sinnhaltige Äußerung die kleinste Codiereinheit sein; zur Klärung wird die gesamte betreffende Gesprächspassage gelesen. Diese Festlegung ist ein Projektentscheid, keine allgemeine Vorgabe.

Kuckartz und Rädiker beschreiben qualitative Inhaltsanalyse als systematisches Verfahren, das Kategorien definiert, Material strukturiert und Zusammenhänge prüft. Sie unterscheiden unter anderem inhaltlich strukturierende, evaluative und typenbildende Varianten. [6] Wählen Sie eine Variante und erläutern Sie ihre tatsächliche Umsetzung, statt mehrere Ansätze nur aufzuzählen.

4. Kategorien entwickeln und an Material erproben

Für das Lehrbeispiel können erste Arbeitskategorien „zeitliche Organisation“, „Entscheidungen bei Konflikten“ und „Unterstützung“ lauten. Die Formulierung „das Team nicht hängen lassen“ könnte einen zusätzlichen Aspekt sozialer Verpflichtung anregen. Überprüfen Sie am weiteren Material, ob daraus eine eigenständige Kategorie werden sollte.

Fiktive Textstelle

Möglicher Code

Arbeitsdefinition und Abgrenzung

„Ich hätte Nein sagen können, aber ich wollte das Team nicht hängen lassen.“

Verpflichtung gegenüber dem Team

Aussagen, in denen Rücksicht auf Kolleginnen und Kollegen die Entscheidung beeinflusst. Nicht allein die Erwähnung netter Kollegen codieren.

„Eigentlich wollte ich nachmittags lernen. Dann wurde es immer spät.“

Verschiebung von Lernzeiten

Aussagen über veränderte Lernzeiten im Zusammenhang mit Erwerbsarbeit. Allgemeine Unzufriedenheit ohne zeitlichen Bezug reicht nicht aus.

„Gleichzeitig brauche ich die Stelle und mag die Leute dort.“

Bedeutung der Erwerbsarbeit

Die Passage enthält mehrere Bedeutungen. „Brauche die Stelle“ erst im weiteren Kontext als finanzielle Abhängigkeit interpretieren.

Ein Code ist eine analytische Zuordnung, noch kein Ergebnis. Legen Sie Definitionen, Ankerbeispiele, Ausschlussregeln und den Umgang mit Mehrfachcodierungen fest. Wenn Sie Kategorien verändern, prüfen Sie bereits bearbeitete Passagen erneut.

5. Innerhalb und zwischen Fällen vergleichen

Fragen Sie zunächst, ob die Interpretation zum gesamten Fall passt. Vergleichen Sie anschließend etwa Personen mit planbaren und kurzfristig wechselnden Arbeitszeiten. Eine Fall-Kategorien-Matrix kann Ihnen helfen, Unterschiede sichtbar zu machen. Leere Felder bedeuten allerdings nur, dass kein entsprechender Beleg vorliegt; sie beweisen nicht automatisch, dass eine Erfahrung nicht existiert.

6. Ergebnisse mit Belegen und Grenzen formulieren

Aus unserem fiktiven Einzelausschnitt ließe sich vorsichtig ableiten: „In dieser Passage begründet die Person zusätzliche Schichten mit Rücksicht auf das Team und beschreibt zugleich Einbußen bei der Klausurvorbereitung.“ Nicht gedeckt wäre: „Soziale Verpflichtungen sind die Hauptursache schlechterer Prüfungsleistungen bei Studierenden.“ Dafür fehlen weitere Fälle und eine andere Untersuchungsanlage.

Unterscheiden Sie Aussagen der Befragten, eigene Interpretationen und den Bezug zur Literatur. Vermeiden Sie lange Zitatketten ohne Analyse. Wenn Sie Häufigkeiten nennen, erklären Sie genau, ob Sie Personen, Passagen oder Nennungen zählen. Aus einer kleinen gezielten Auswahl wird durch Prozentangaben keine repräsentative Untersuchung.

Problemzentriertes Interview in Bachelorarbeit und Masterarbeit

Ein problemzentriertes Interview in der Bachelorarbeit ist besonders dann planbar, wenn Sie das Erkenntnisinteresse eng begrenzen und den Zugang zum Feld früh sichern. Entscheidend ist nicht, möglichst viele Interviews zu sammeln, sondern einen angemessenen Materialbestand sorgfältig auszuwerten.

Für ein problemzentriertes Interview in der Masterarbeit kann ein differenzierterer Vergleich sinnvoll sein, etwa zwischen zwei beruflichen Kontexten. Dafür benötigen Sie einen entsprechenden theoretischen Rahmen und ausreichende Ressourcen. Der Studienabschluss allein legt weder eine feste Fallzahl noch ein bestimmtes Analyseverfahren fest.

Unsere Empfehlung für den Arbeitsplan: Kalkulieren Sie Literaturarbeit, Kontaktaufnahme, Erprobung, Gespräche, Transkriptprüfung, Analyse und Ergebnisdarstellung getrennt. Führen Sie bereits nach den ersten Gesprächen eine vorläufige Sichtung durch. Wenn Sie erst nach dem letzten Interview feststellen, dass Ihre Fragen wenig konkrete Erfahrungen hervorgebracht haben, lässt sich das kaum noch korrigieren.

Was gehört ins Methodenkapitel?

  • Forschungsfrage und begründete Wahl des Interviewformats.

  • Auswahlkriterien, Rekrutierungsweg und relevante Merkmale der tatsächlichen Stichprobe.

  • Entwicklung des Leitfadens, Probeinterview und dokumentierte Änderungen.

  • Erhebungssituation, eigene Rolle und tatsächliche Gesprächsführung.

  • Teilnahmeinformation, Datenverarbeitung und Schutzmaßnahmen.

  • Transkriptionsregeln, konkretes Analyseverfahren und Kategorienentwicklung.

  • Prüfung der Interpretation sowie Grenzen von Material und Untersuchung.

Weitere Hinweise finden Sie in unserem Beitrag zur Methodik der Bachelorarbeit. Vertiefende Erläuterungen zur Textauswertung bietet unser Überblick über die qualitative Inhaltsanalyse.

Formulierungsbeispiel für die Methodenbeschreibung

Die Studie untersucht Erfahrungen berufstätiger Bachelorstudierender mit zeitlichen Konflikten zwischen Studium und Erwerbsarbeit. Für die Erhebung werden problemzentrierte Interviews genutzt. Der Leitfaden enthält offene Erzählaufforderungen und thematische Nachfragen. Im Gespräch werden zunächst die von den Befragten gesetzten Schwerpunkte aufgegriffen. Die Auswahl der Teilnehmenden, die Leitfadenentwicklung und das gesondert begründete Analyseverfahren werden nachfolgend dargestellt.

Diese Formulierung ist eine Orientierung für die Planung. In der fertigen Arbeit müssen Sie den tatsächlichen Ablauf, Ihre konkrete Literaturgrundlage und gegebenenfalls Abweichungen beschreiben. Übernehmen Sie keine Angaben, die Sie nicht belegen können.

Qualität, Grenzen und häufige Fehler

Die Berichtscheckliste COREQ umfasst 32 Punkte zu Forschungsteam und Reflexivität, Studiendesign sowie Analyse und Ergebnisdarstellung. Sie kann helfen, eine Interviewstudie nachvollziehbar zu dokumentieren. Sie wurde für qualitative Interviews und Fokusgruppen entwickelt und ist kein spezielles Qualitätssiegel für Witzel-Interviews. [7]

Für unser Lehrbeispiel würde eine sinnvolle Qualitätsprüfung fragen: Ist erkennbar, wie die Personen ausgewählt wurden? Welche Erwartungen brachte die interviewende Person mit? Sind Kategorien und Belege nachvollziehbar? Wurde eine widersprechende Aussage ebenfalls berücksichtigt? Passen die Schlussfolgerungen zur Reichweite des Materials?

Häufiger Fehler

Konkrete Korrektur im Projekt

Der Leitfaden wird mechanisch abgearbeitet.

Bereits angesprochene Themen markieren und an den Erzählverlauf anknüpfen.

Die erwartete Belastung wird in Fragen vorausgesetzt.

Bewertungen aus der Frage entfernen und nach Situationen fragen.

Interviewfragen werden unverändert zu Codes.

Prüfen, welche analytischen Kategorien das Material tatsächlich erschließen.

Nur bestätigende Zitate werden ausgewählt.

Gegenbeispiele suchen und Interpretationen entsprechend begrenzen.

Software gilt als Auswertungsmethode.

Analyseentscheidungen unabhängig vom verwendeten Programm beschreiben.

Ein Pilotgespräch wird stillschweigend eingerechnet.

Einbeziehung und Vergleichbarkeit des Materials begründen.

Problemzentrierte Interviews bieten Zugang zu erzählten Erfahrungen. Sie zeigen nicht unmittelbar, wie Menschen in jeder Situation handeln. Erinnerungen können lückenhaft sein; das Gespräch und die Beziehung zwischen den Beteiligten beeinflussen Aussagen. Benennen Sie solche Grenzen im Zusammenhang mit Ihrer Frage, statt sie nur allgemein am Ende aufzulisten.

Wie wir Sie bei Ihrem Interviewprojekt unterstützen

Wenn Forschungsfrage, Leitfaden und Auswertung noch nicht zusammenpassen, können wir Sie im wissenschaftlichen Coaching bei der methodischen Planung unterstützen. Für bereits erhobenes Material bieten wir eine MAXQDA-Auswertung an; mit unserem wissenschaftlichen Lektorat können Sie die Darstellung Ihrer Arbeit prüfen lassen. Der konkrete Leistungsumfang wird vorab vereinbart.

Auch wenn Sie eine Mustervorlage für eine Bachelorarbeit schreiben lassen möchten, besprechen wir mit Ihnen die Anforderungen. Eine Vorlage dient der eigenen fachlichen Auseinandersetzung. Welche externe Unterstützung in Ihrer Prüfungsleistung zulässig ist und offengelegt werden muss, klären Sie vorab mit Ihrer Hochschule.

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Literatur und wissenschaftliche Quellen

  1. Witzel, A. (2000). Das problemzentrierte Interview. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 1(1), Art. 22. DOI und Originalbeitrag. Besonders Absätze 3–9 und 18–25.

  2. Witzel, A., & Reiter, H. (2012). The Problem-Centred Interview: Principles and Practice. SAGE. Verlagsleseprobe. Ergänzend: Witzel, A., & Reiter, H. (2022). Das problemzentrierte Interview – eine praxisorientierte Einführung. Beltz Juventa. Verlagsangaben.

  3. Mayring, P. (2000). Qualitative Content Analysis. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 1(2), Art. 20. Originalbeitrag. Abschnitte 3–4.

  4. Malterud, K., Siersma, V. D., & Guassora, A. D. (2016). Sample Size in Qualitative Interview Studies: Guided by Information Power. Qualitative Health Research, 26(13), 1753–1760. DOI; Abstract.

  5. Rick, J. (2023). Problem-Centered Interviews Online and Offline: A Methodological Reflection. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 24(2), Art. 6. Originalbeitrag.

  6. Kuckartz, U., & Rädiker, S. Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung. Autorenseite mit Materialien und Verfahrensübersicht.

  7. Tong, A., Sainsbury, P., & Craig, J. (2007). Consolidated criteria for reporting qualitative research (COREQ): a 32-item checklist for interviews and focus groups. International Journal for Quality in Health Care, 19(6), 349–357. DOI; Abstract.

Recherche: 9. Oktober 2026. Praktische Beispiele und Arbeitsvorschläge in diesem Beitrag sind didaktische Eigenentwicklungen, keine empirischen Befunde.

Disclaimer

Der guten Ordnung halber weisen wir Sie darauf hin, dass jegliche von uns erstellten Ausarbeitungen auf der Annahme basieren, dass Sie eine Lösungsskizze für interne Zwecke wünschen. Die weitere Verwendung ist allenfalls zur eigenen gedanklichen Auseinandersetzung gedacht, nicht aber für die Übernahme als eigene Leistungen. 

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